Als die Kinderbücher tanzen lernten

Stell Dir vor…

Du schlägst einen vertrauten Buchrücken auf…
und es kommen kommen wunderbare Wesen aus dem Buch heraus geschlüpft.

Pippi Langstrumpf, die kleine Hexe, Ronja Räubertochter, Karlson vom Dach, der kleine Wassermann, Frederick die Maus, Lotta von der Krachmacherstrasse, Gretchen Sackmaier, Michel aus Löneberga, Max und Moritz, Pinocchio und wie sie alle heißen.

Wahrscheinlich haben diese fabelhaften Figuren Dir gleich ein Bild oder ein Gefühl gemacht, oder?!

Für mich ist es immer ein bisschen wie Magie – wie aus Worten Geschichten und Gefühle gezaubert werden.
Wie wir auf einmal eine neue Welt entdecken die es so vorher noch nicht gab.
Bücher schaffen sowas!

»Es gibt mehr Schätze in Büchern als Piratenbeute auf der Schatzinsel…
und das Beste ist, du kannst diesen Reichtum jeden Tag deines Lebens genießen.«

Walt Disney

Diesen Reichtum gilt es Kinder entdecken zu lassen. Sie auf eine Reise mitzunehmen wo sie vorher noch nicht waren.
Doch nicht allen Kindern wird zu Hause vorgelesen, obwohl sich zumeist alle Eltern für ihre Kinder wünschen, dass sie eine gute und vielseitige Bildung erhalten.¹

Mir wurde als Kind immer wieder gesagt, dass Bücher neue Welten erschließen. Meine Oma schenkte mir gerne Bücher zum Geburtstag. Bis heute stapeln sich Bücher in meiner Wohnung, die es zu entdecken gilt.
Aber auch ein Besuch im Buchladen lässt mich jedesmal staunen, vor allem wenn ich mich in der Kinderbuchabteilung rumtreibe. Denn ich liebe es ab und an ein Kinderbuch mit in den Tanzunterricht zu bringen und ich eröffne den Unterricht zumeist so:

»Ich habe Euch heute etwas mitgebracht!«

Große Kinderaugen blicken mich an und hängen ihre Nasenspitzen tief in das Buch hinein, denn sie wollen alles aufsaugen.
Die Bilder stecken oft voller liebevoll gezeichnet Details, manchmal springt ein Bild heraus und natürlich tauchen wir ein in eine Welt die wir nicht kennen… wo wir Buchstaben kaufen müssen um zu sprechen, wo es Wörter gibt die neu sind, wo das Lächeln verloren gegangen ist, aber auch wo Monster, Geister und Hexen ihre Sorgen haben.

Ein Buch im Kindertanz Unterricht zu benutzen ist eine Motivation für Bewegung und Tanz, denn es geht ja schließlich um Tanz, oder?

Wollen wir uns gemeinsam doch einmal genau anschauen, weshalb es aus pädagogischen und tanzpädagogischen Gesichtspunkten wertvoll sein kann ein Kinderbuch in den Tanzunterricht mitzunehmen:

Konzentration

 

Wir üben spielerisch die Konzentration. Wir hören und sehen neue Inhalte und bringen sie anschließend vertiefend in den Tanz. So werden alle Lerntypen angesprochen.
Um in Lillies Worten, sie ist 5 Jahre alt, zu sprechen: »Wir tanzen ja auch im Kindergarten, aber bei Dir ist immer alles viel ruhiger!«

Wortschatz

 

Kinder haben doch einen nicht so hohen Wortschatz…
Kinder können zwar noch nicht alle Worte aussprechen, verfügen aber in ihrem Verständnis über weitaus mehr Wörter. Man nennt dies aktiven und passiven Wortschatz.
»Sein aktiver Wortschatz wächst bis ins Alter von 5 Jahren auf durchschnittlich 4000 Wörter, sein passiver Wortschatz bis auf 10000.«²
Kinderbücher erweitern den Wortschatz und regen die Kommunikation und Sprachkompetenz an.

Ruhephasen

 

Kinder sind zumeist immer in Bewegung, wie ein Flummi, da fällt stillsitzen oft schwer.
Eines der Themen von Irmgard Bartenieff ist Erholung und Verausgabung. So schaffen wir im Kindertanz Unterricht eine Balance von der Aktivität des Tanzens und Ruhephasen, denn auch Ruhe ist wichtig, vor allem in dieser schnelllebigen Zeit.

Phantasie

 

Innere Bilder sind etwas, das uns niemand nehmen kann. So regen Kinderbücher die eigene Phantasie und die Vorstellungskraft an und wie Albert Einstein so schön sagte:

»Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.«

Mitgefühl 

 

Die Identifikation mit der Geschichte oder dem Protagonist schult unser Mitgefühl. Wir sehen die Welt durch neue Augen, wie herrlich, so hat uns ein Buch neue Welten erschlossen und um in den Worten des Dalai Lamas zu sprechen:

»Die Grundlage des Weltfriedens ist das Mitgefühl.«

Einfühlungsvermögen

 

Sich einzufühlen in Charaktere oder bestimmte Situationen erweitert unser eigenes Handlungsspektrum, sowohl im Tanz als auch im Leben.

Erweiterung des Bewegungsspekrums & des Ausdrucks

 

Sobald das Mitgefühl und das Einfühlungsvermögen entfaltet worden sind, ist es ein leichtes neue Charakterzüge in sich zu entdecken.
So macht es zum Beispiel einem zarten Mädchen Freude ein starkes Monster zu sein. Aber auch wilde Jungs die Angst vor Geistern unter ihrem Bett haben wollen immer wieder in die Geisterbibliothek gehen.

Themenwahl

 

Die Themenwahl hängt oft von der Gruppe, des Einzelnen und von vielen anderen Faktoren, wie Alter, soziale Zusammenhänge, aktuelle Zeitgeschehen usw. ab.
Durch eine Geschichte ist es manchmal viel leichter Themen die eine Gruppe bewegen anzusprechen – denn es geht ja schließlich um die Geschichte. 😉

Beziehungsaufbau

 

Geschichten sind ein relativ einfaches Mittel für den Beziehungsaufbau. Kinder fühlen sich geborgen beim vorlesen, selbstverständlich nicht gerade wenn der Wolf das Rotkäppchen auffrisst!

Tanz & Pantomime & Kinderbuchauswahl

 

Tanz gilt als eine Abstraktion. Dies gilt es bei der Bücherauswahl zu beachten. Denn nicht jedes Kinderbuch eignet sich für den Kindertanzunterricht. Wir wollen nicht immer so tun als ob. Nein im Gegenteil wir beschäftigen uns gerne mit dem Wie etwas getan wird. So tauchen wir in eine abstrakte Bewegungswelt hinein, die besonders spannend, manchmal surreal und lustig sein kann.

Nun wünsche ich Dir viel Freude beim Stöbern in Deinem Bücherregal oder in der Buchhandlung, denn:

»Bücher liebten jeden, der sie aufschlug,
schenkten Geborgenheit und Freundschaft und verlangten nichts dafür,
gingen nie fort,
niemals, selbst dann nicht, wenn man sie schlecht behandelte.«

Cornelia Funke, Tintenherz

Möchtest Du mit mir auch eine Tanzreise in die Welt einiger Kinderbücher machen?
Im Juni findet die Fortbildung »Als die Bilderbücher tanzen lernten – Klappe, die Zweite« in Berlin statt.
Schau doch gerne mal rein.

Ich freue mich von Dir zu lesen,  Dich zu hören oder Dich im Januar zu sehen.

Deine Stefi

 

¹ © Stiftung Lesen – Studie 2017
² © Remo H. Largo, Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren