Eine Welt voller Möglichkeiten – Erlebnis Anatomie

Tanzmedizin Kindertanz Anatomie Kinder

Unser Körper hat soooooo viele Möglichkeiten sich zu bewegen.

Doch, warum kann der eine Körper sich tief nach vorne beugen und der andere eben nicht? Warum hat der eine Körper einen großen Radius der Außenrotation im Hüftgelenk und der andere nicht? Warum, warum, warum?

Wir haben alle in unserem Körper Knochen, Gelenke, Muskeln und Faszien. Da würde man doch denken wir hätten alle irgendwie die gleiche »Hardware« mitbekommen?!

Doch so vielfältig wie wir auch im Außen aussehen, so vielfältig schauen wir auch im Innen aus, obwohl wir eine ähnliche »Hardware« haben.

Anatomie scheint also irgendwie individuell sein.


Somatische Körpererfahrungen wie Feldenkrais und Bartenieff (und viele mehr) sind der Schlüssel für die eigene Wahrnehmung.

Doch bevor wir tiefer in die Anatomie gehen, möchte ich von Irmgard Bartenieff erzählen, wer sie war und wie sie zu ihren ganz besonderen Prinzipien, Themen, Verbindungen und Mustern gekommen ist, die für jede Bewegung und jeden Tanzstil angewendet werden kann.

Irmgard Bartenieff, wurde im Jahre 1900 geboren, sie genoß als Kind Tanzstunden mit einer russischen Ballettlehrerin, hatte im Gymnasium Mensendieck-Gymnastik Klassen, welche die Selbstwahrnehmung von Haltung und Bewegung schulten und sie nahm Gesangsstunden.

Nach ihrem Abitur studierte sie Biologie und Psychologie.

Mit ihren 25 Jahren jung, begegnete sie Rudolf Laban; diese Begegnung war für sie bahnbrechend. Sie selbst schreibt in ihrem Buch hierzu:

»Seine Arbeit war ein logischer Schwerpunkt für meinen Hintergrund des Hin und Herpendels zwischen Biologie, Kunst und Tanz«¹

Sie studierte mit Laban und seinen Kolleginnen und Kollegen, doch irgendwann wurde für sie die Situation in Deutschland zu heikel, denn ihr Mann war ein russischer  jüdischer Balletttänzer.

Gemeinsam flohen sie von Deutschland nach Amerika.

In Amerika angekommen wurde sie Physiotherapeutin und fing an die Essenz der »Bartenieff Fundamentals der Bewegung« zu entwickeln.

Sie arbeitete sowohl therapeutisch als auch im Freizeitbereich mit Erwachsenen und Kindern.

Als sie 65 Jahre alt war offerierte sie ihr erstes Training Programm im Dance Notation Bureau in New York.

Am Anfang nannte Irmgard ihre Arbeit »Correctives«, auf deutsch »Korrekturen«, doch sie stellte fest, dass es in ihrer Arbeit um etwas ganz anderes ging.

»Sie erkannte, dass sie den Menschen wirklich eine Erfahrung vermittelte, um Bewegung zu erleben oder wieder erleben zu lassen, die für alle menschlichen Wesen grundlegend ist.
Ihr eigener Impuls bestand darin, das Wesentliche zu bestätigen, anstatt etwas Falsches zu korrigieren.«²

Dies ist ja nun tatsächlich eine ganz besondere Sichtweise der Anatomie, oder?!

Doch wie geht das denn nun, denn vor allem im Tanz, in der Akrobatik, im Yoga, in der Gymnastik… machen wir doch manchmal echt verrückte Dinge mit dem Körper, was ein Bürohengst so nicht machen würde – oder?!

Irmgard arbeitete wie vorher schon erwähnt mit Themen, Prinzipien, den entwicklungsmotorischen Mustern, muskulären und faszialen Verbindungen im Körper.

Peggy Hackney schreibt hierzu:

Prinzipien der Bartenieff Fundamentals³

Körperverbundenheit: Der ganze Körper ist verbunden, alles Teile sind in Beziehung. Verändert sich ein Teil – verändert es sich im Ganzen…
Atemunterstützung: Der Atem bringt Leben und Bewegung. Es ist eine physiologische Unterstützung für alle Lebensprozesse und daher immer Bewegung.
Erdung: Die Erde stellt uns Unterstützung bereit. Einen Boden zum Sein und zur Bewegung. Jeder Mensch bewegt sich in Beziehung zur Erde und zur Gravitation.
Entwicklungsmotorik: Essentielle Basiskörperverbindungen werden im frühen Lebensalter etabliert.…
Intention: … Intentionen organisieren das neuromuskuläre System
Komplexität: Bewegung ist vielfältig. In jedem Bewegungsereignis ist immer mehr als ein Thema. Jedes Bewegungsereignis passiert im ganzen System…
Innen–Außen: Innere Impulse drücken sich in einer äußeren Form aus. Das Verhältnis der äußeren Welt beeinflusst die die innere Erfahrung. … Bewegung ist bedeutsam.
Funktion – Expression: Funktionelle und expressive Aspekte der Bewegung sind in einer vertrauten Verbindung.…
Stabilität–Mobilität: Stabilisierende und mobilisierende Elemente interagieren immerwährend um eine effektive Bewegung hervorbringen zu können.
Verausgabung–Erholung: Verausgabung gefolgt von Erholung, ist ein aktiver natürlicher Rhythmus, welchem dem Körper hilft sich zu regenerieren und die körperliche Vitalität beizubehalten.
Phrasierung: Bewegung passiert in Phrasen.…Kinetische Ketten der muskulären Aktion bauen sich im Moment der Initiation der Bewegung auf; gefolgt von der darauffolgenden Bewegung bis zur kompletten Vollendung der Phrase. Muskuläre Phrasierung ist wichtiger als die Stärke der Muskeln um Bewegungen zu koordinieren.
Persönliche Einzigartigkeit: Bewegungsmuster prägen, wie das Leben; es ist eine einzigartige persönliche Reise, ein Abenteuer.

Vielleicht denkst Du nun; wow das klingt ja toll…aber es gibt doch wirklich Dinge die gesundheitsschädigend, wie wenn das Knie nicht über der zweiten und dritten Zehe im Plié oder in einer Beugung steht.

Da gebe ich Dir recht, doch die Frage ist wie korrigiere ich?

Richte ich das Knie über der zweiten und dritten Zehe aus, hat es einen Effekt auf den ganzen Körper – denn jedes Bewegungsereignis passiert im ganzen System.
Das würde heißen, ich müsste den ganzen Körper des Gegenübers einmal komplett »durchkorrigieren« und das Gegenüber hätte wahrscheinlich das Gefühl, dass irgendwie alles falsch ist!

Bartenieff arbeitet mit den so genannten »Bony Landmarks«.

Dies sind knöcherne Strukturen die Große und Kleine Menschen verstehen und spüren können.
Zwischen diesen »Bony Landmarks« laufen kinetische Verbindungen, diese würden wir heute als Faszien beschreiben, doch damals gab es den Begriff der Faszien wohl noch nicht?!
Doch um Anatomie zu erleben muss man eben nicht tausende von Büchern studieren und so vereinfachte es Irmgard in »Bony Landmarks«, wohlwissend, dass verschiedene kinetische Ketten hier anfangen – über diese und jene Knochen laufen und dort aufhören.

Erlebbare Anatomie also für Jedermann und Jederfrau. 


Sie war eine Macherin!

»Irmgard dachte allumfassend – holistisch. Sie glaubte, dass der Geist, Körper und die Aktion eins sind, dass jedes Individuum eins ist mit der Kultur; und Funktion mit Expression, Raum mit Energie, Kunst mit Arbeit, mit der Umwelt, mit der Religion.
Wenn man mit ihr viel Zeit verbrachte konnte man schnell verwirrt sein und man musste vieles innerlich selbst aussortieren;
aber Du konntest Dir sicher sein das ganze Universum nie wieder als isolierte Partikel zu sehen.«²

 

Ihr Wissen ist nach wie vor zeitgemäß, sowohl für Tänzer und Laien, Erwachsene und Kinder und trägt dazu bei, ein besseres Verständnis für sich selbst durch Bewusstwerdung, Akzeptanz, Intentionen, eigene innere und äußere Zugänge, Prozesse, das Wesentliche zu festigen und alte Muster im eigenen Rhythmus gehen zu lassen.

»Nun, Du siehst, es gibt viele Möglichkeiten! …«

Irmgard Bartenieff

Gemeinsam mit Peggy Rothe freue ich mich sehr Dir im April einen kleinen Einblick in das Bartenieff und Feldenkrais Universum zu geben.
Gemeinsam werden wir die individuelle Anatomie erleben, anatomische Zusammenhänge verstehen, Zugänge bekommen, Spüren, Tanzen und unendlich viele Möglichkeiten entdecken… hier geht es zur Fortbildung

Eine Welt voller Möglichkeiten – eine anatomische Erlebnisreise für (Kindertanz)PädagogInnen »

Ich freue mich von Dir zu lesen,  Dich zu hören oder Dich dort zu sehen.

Deine Stefi

 

¹ Irmgard Bartenieff with Dori Lewis, BODY movement – Coping with the Environment, Routledge 2002, Preface – Seite ix, übersetzt Stefi Schmid
² Peggy Hackney, Making connections, Routledge 2002, Seite 7 und 8, übersetzt Stefi Schmid
³ Peggy Hackney, Making connections, Routledge 2002, Seite 39/40, übersetzt Stefi Schmid