Was ist schon normal?! Tanz und Inklusion

Tanz und Inklusion – Was ist schon normal – Tanze wild und frech Blog – Stefi Schmid

Ich stelle mir immer wieder die Frage:

»Was ist schon normal?!«

Denn jeder sieht ja irgendwie anders aus – manche sind groß, andere kleingewachsen, manche haben blaue andere grüne Augen, manche wollen viel Aufmerksamkeit, andere weniger…

Wir sind alle so vielfältig – auch wenn wir »normal« sind – was auch immer »normal« bedeutet!

W
ir reisen nun aber ein wenig zurück in der Zeit!

Ich bin 17 Jahre alt und schaue mir gerade eine Sozialtherapeutische Einrichtung, in der seelenpflegebedürftige Menschen lebten, an. Umringt von Wolken lag sie hoch oben auf einem Berg.

Ich schlenderte so auf einem Weg dahin und genoss diese fabelhafte Aussicht.

Auf einmal kam ein wirklich langer Lulatsch, so um die 2 Meter hoch, auf mich zu.
Er blickte auf mich herab und schaute mich mit seinem neugierigen Gesicht an und fragte mich: »Wie heißen sie?«

Ich antwortete: »Stefi Schmid«.

 Er schaute mich an und sagte: »Wann sind sie geboren?«

Ich: »Am 22.2.1979«.

Stille macht sich für einen Moment breit;
dann purzelt es aus seinem Mund heraus: »Das war ein Donnerstag, ein Donnerstag, ein Donnerstag«.

Er dreht sich um und ging so fix, wie er gekommen war – und ich steh nur da.

W
ow, dachte ich, er hat recht, es war ein Donnerstag.

Was für ein Talent, den ganzen Kalender auswendig zu können, er hat bestimmt ein fotographisches Gedächtnis.

Dieser Tag gefiel mir so gut, dass ich beschloss dort ein Praktikum zu machen und schloss daran meine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin an.

Während ich ins Sozialtherapeutische Seminar zum Lernen ging und spannende Fächer wie Pädagogik, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, Medizin, Heilpädagogische Phänomenologie, Kunst, Musik und ohwehohwei Eurythmie, Sprachgestaltung und Schauspiel hatte, gingen die Betreuten in ihre Werkstätten, wie die Weberei, Kupferwerkstatt, Hauswirtschaft, Landwirtschaft etc..

I
ch lernte viele Menschen mit geistigen Behinderungen kennen und ich fand, dass alle viele und ganz unterschiedliche Talente hatten!

Da war zum einen ein Mann mit Trisonomie 21; er war ein regelrechter Dichter und Schauspieler – er liebte Parzival und stand sehr oft auf der Bühne und begeisterte alle im Publikum.

Auch lernte ich einen Mann mit Autismus kennen, der der beste Elvis Presley Imitator war den ich je kennengelernt habe!

Aber selbstverständlich hatten nicht alle ein künstlerisches Talent!

Ich mochte es unglaublich gern mit Autisten zu arbeiten. Sie waren ganz in ihrer Welt verankert, hatten manchmal Ticks, die mich regelrecht zur Weißglut bringen konnten!

Und gerade deshalb lernte ich sooo viel von Ihnen!

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Vor allem Flexibilität!

S
pringen wir zurück in die heutige Zeit.

In letzter Zeit finden mich Kinder die laut der Gesellschaft nicht in die Norm passen, sie sind »Besonders«; sie wurden nach dem ICD 10 Schlüssel als Autisten diagnostiziert;

diese Kinder sind bei mir in einem ganz normalen Kindertanzunterricht.
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Ich arbeite mit so genannten heterogenen Gruppen.

Das Wort Heterogenität kommt aus dem griechischen und bedeutet andersartig und verschieden.
Also ganz im Sinne von Irmgard Bartenieffs Prinzip der persönlichen Einzigartigkeit.

In heterogenen Gruppen werden ganz unterschiedliche Fähigkeiten entfaltet, wie zum Beispiel aufeinander zu achten, zu kommunizieren, verantwortungsvoll miteinander zu sein und dass jeder ganz unterschiedliche Talente hat.

Diese Werte sind bei mir in jedem Kindertanzunterricht zu finden.

Deshalb ist es wahrscheinlich auch für meine Tanzkinder leicht mit der Andersartigkeit in Kontakt zu kommen, da sie ja eh‘ Wissen, dass jeder anders ist.

Auch jede Tanzklasse für meine Kinder im Tanzstudio oder im Kindergarten ist anders.

Die Kinder haben unterschiedliche Interessen, Vorlieben, Geschmäcker, Konzentrationsspannen… so ist es für mich selbstverständlich, dass ein autistisches Kind mit in den Unterricht kann.

Janusz Korcak sagte einmal:

»Kinder haben ein Recht auf den heutigen Tag. Er soll heiter sein, kindlich, sorglos.«

Dies sollte doch für jedes Kind gelten, denn dies könnte doch ein ganz fabelhaftes Ziel für einen Kindertanzunterricht mit dem Thema Inklusion sein – oder?!

Was Du genau in so einem Unterricht machst oder intervenierst, da kann ich Dir nun kein Rezept dafür geben, denn wie oben schon geschrieben ist jede Situation, jeder Mensch und jede Gruppe einzigartig.

Worauf ich aber achte ist, dass jeder Schüler gleich viel Aufmerksamkeit erhält und es soll meines Erachtens gewährleistet werden, dass jeder Schüler mit seinen Bedürfnissen und vor allem tänzerischen Entwicklungsstand sich weiterentwickeln kann.

Denn:

»Inklusive Bildung bedeutet, dass alle Menschen an qualitativ hochwertiger Bildung teilhaben und ihr Potenzial voll entfalten können.
Während in Deutschland der Begriff »Inklusion« oft nur in einem engeren Sinne im Kontext von Menschen mit einem diagnostizierten Förderbedarf verwendet wird, vertritt die UNESCO dezidiert einen weiten Inklusionsbegriff, der alle Menschen einschließt.
Weder Geschlecht, soziale oder ökonomische Voraussetzungen noch besondere Lernbedürfnisse dürfen dazu führen, dass ein Mensch seine Potenziale nicht entwickeln kann.«

Unesco

Wusstest Du, dass Jenny Gertz schon vor fast 100 Jahren mit behinderten Kindern getanzt hat?
Wenn Du wissen möchtest was sie wunderbares in Ihrem Unterricht mit den Kindern gemacht hat und welche Didaktik sie angewandt hat, dann komm doch dieses Jahr nach München oder Leipzig zu der Fortbildung »Wer kann…? Jenny Gertz eine Pionierin des Kindertanzes der 1920er Jahre«

Ich freu mich auf Dich!

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Deine Stefi