Von einem Rahmen der Halt gibt und reformpädagogischen Ansätzen im Kindertanzunterricht

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Stell Dir vor 20 Kinderaugen blicken Dich an, haben eine Menge Peperoni im Hintern und flitzen in den Tanzsaal, tollen herum, schaukeln an den Stangen, rufen laut und bewegen sich so, als ob morgen die Welt untergehen würde;
ihr Energieniveau ist sooooooo hoch, manche sind wilder und frecher als andere und all diese Menschenwesen sind einfach ganz wunderbar!

Dieser Unbändigkeit und Wildheit gepaart mit ihren errötenden Wangen gilt es einen Rahmen zu geben;
ähnlich wie wenn wir ein Bild malen, braucht es hierzu eine Leinwand und einen Rahmen der dem Bild Halt gibt, sonst fallen alle Farben aus dem Bild heraus.

Ich als Erwachsener bin dafür verantwortlich Kindern diesen Rahmen zu geben.

Nun bin ich ja wirklich kein Fan von Regeln…

Regeln fühlen sich für mich meist eng an und irgendwie wie ein Korsett in das ich von außen reingepresst wurde.

Dennoch brauchen wir ein wenig Ordnung im gemeinsamen Beisammensein, ähnlich wie im Straßenverkehr.
Stell Dir einmal vor, manche würden auf der rechten Spur fahren, manche auf der linken, manche würden vorwärts fahren und andere einfach rückwärts…

Eieieiei…

Würde jeder auf der Straße so fahren wie es im gefällt, hätten wir Chaos und wahrscheinlich eine Menge Unfälle, ich sehe uns schon alle im Krankenhaus!

Ein Rahmen schafft eine Ordnung im gemeinsamen Beisammensein und ein aufeinander Achten, welches meines Erachtens tief von Werten geprägt ist; dies gibt den Kindern eine Art Halt und diese hat einen Sinn.

Doch wie geht das und funktioniert das?

Kinder fühlen eine Menge, ihre Gefühlswelt ist so groß wie ein Universum, sie haben einen unglaublich tiefen Sinn für Gerechtigkeit und auch ob etwas Sinn macht oder nicht.

Um diesen Sinn zu hinterfragen, lieben die Kinder das Wort Warum; es ist auch mein Lieblingsfragewort seit frühester Kindheit.

Doch warum ist dieses Warumwort ist existenziell für Kinder?

Kinder möchten die Welt und ihre Mitmenschen begreifen und verstehen; das möchte ich im übrigen auch und gerade deshalb möchte ich mit Dir heute beleuchten warum ich mit gewissen Strukturen arbeite, warum diese einen Rahmen schaffen und gerade deshalb Halt geben.

So nun geht es los…

Bevor die Tanzstunde beginnt, begrüße ich die Kinder und zaubere ein wenig Magie; die Tür hat manchmal Glitzer oder Strahlen und sie betreten die Welt des Tanzes, dort ist manches ganz anders…

Ich sage: »Sobald eure Füße den Tanzsaal betreten, tanzt einmal ganz langsam bis zum Fenster und dann so schnell ihr könnt flitzt ihr zu mir«,
dies mache weil, es der unbändigen freudvollen Bewegungslust der Kinder entgegenkommt, sie betreten achtsam den Raum und achten in der ersten Minute aufeinander, es ist still und die Konzentration sehr sehr hoch, dann schaffe ich einen emotionalen Raum für Bewegungsfreiheit, ihr freier Bewegungsfluss hat ein Ende, sobald sie bei mir ankommen.

Dann setzten wir uns erst einmal kurz gemütlich hin;
dieses Hinsetzten hat wirklich was von Ankommen, ich spüre den Boden unter mir und bin in diesem Raum angekommen; dies ist meines Erachtens ein ganz besonders wichtiges Element, denn wir kommen alle bis in unsere Tiefenwahrnehmung an.

Anschließend begrüße ich alle und blicke jedem kurz in die Augen… wir können jeden Einzelnen im Unterricht wahrzunehmen, wir begegnen uns und sind miteinander in Verbindung.

Dann dürfen alle Kinder kurz eine Sache erzählen welche Ihnen besonders auf dem Herzen liegt;  okay manch einer möchte natürlich auch Romane erzählen… doch durch ein Augenzwinkern meinerseits schaffen wir es, dass jeder dran kommt.

Dies ist mein Anfangsritual und Rituale sind etwas wunderbares und wir sind wirklich miteinander angekommen.

Doch wir sind ja hier um zum Tanzen…

ich mache transparent worum es heute geht, so kann sich jeder Einzelne mit dem Körper, seinem Herz und seinem Kopf darauf einstimmen, worauf wir uns heute im Unterricht fokussieren.
Dies hilft auch manchmal gewisse »Durststrecken« im Unterricht zu »überwinden«, denn auch ein Kindertanzunterricht soll in seiner Hinführung auf künstlerischen Tanz vorbereiten, sodass zum Beispiel eine Aufwärmung zum Tanzunterricht einfach dazugehört, auch wenn es manchmal schwieriger fällt, als ein freudvolles Spiel.

Wie in jedem Tanzunterricht folgen eine Aufwärmung, Tanzspiele, altersgerechtes Schrittmaterial, Improvisationen und Gestaltungselemente…

Doch gerade in Tanzspielen und Improvisationen passiert schnell mal etwas…

Oh weh ich sehe schon wieder den Krankenwagen vor meine Augen.

Spaß beiseite, das passiert selten!

Tanzspiele und Improvisationen brauchen einen Rahmen, eine konkrete Frage oder Aufgabenstellung, so hat der Kopf, das Herz und der Körper etwas zu tun.

Doch in ihrem Schaffensdrang stößt Emma Lisa an – oh weh, das hat bestimmt weh getan.

Ich unterbreche den Unterricht und rufe alle Kinder zu mir; wir setzten uns natürlich kurz hin.

Ich sage: »Oh das hat bestimmt weh getan oder?«.

Lisa nickt.

Ich drehe mich zu Emma und sage: »Du warst bestimmt so versunken in Deiner Bewegung, da hast Du bestimmt vergessen, Deine Augen wach und offen zu halten und so seid ihr aneinander gestoßen?!«

Emma nickt und ich kann sehen es tut ihr unglaublich leid.

Ich schaue alle an und sage: »Sowas kann passieren, doch das Schönste, was wir machen können, ist es jemandem zu verzeihen, wir machen alle ja mal einen Fehler.«

Alle stimmen mit ein und Emma gibt Lisa, immer noch ein wenig geknickt weil es ihr so unendlich leid tut, die Hand und entschuldigt sich.

Doch ich mache weiter, denn nun sind wir an einem besonders spannenden Punkt angelangt; wir fangen an zu beleuchten was gerade passiert ist, wir sind eine Art Detektive und gehen den Dingen auf den Grund.

Dies ist mir ganz besonders wichtig, denn ich möchte die Kinder in Ihrer Selbständigkeit und in Ihrer Gedanken und Gefühlswelt begleiten, nur durch solche Untersuchungen fangen sie an nach Lösungen zu suchen und wie vorher schon erwähnt eine Ordnung im gemeinsamen Beisammensein und ein aufeinander Achtens herzustellen.

Ich frage: »Was meint ihr können wir machen, damit wir besser auf uns achten?«

Diese 20 leuchtenden Kinderaugen blicken mich an und es tönt:

»Die Augen aufhalten.«
»Mehr Abstand halten.«
»Auch die Ohren aufmachen«
»Weniger Unsinn machen«

»Oh ja«, sage ich »das sind wahrlich gute Vorschläge, die ihr da habt! Lasst uns doch das Spiel nochmal machen und gleich Eure Vorschläge ausprobieren, ob sie klappen«

Gesagt getan!

Wir tanzen und die Kinder achten auf sich selbst, den Raum und ihre Mittänzer.

Nun was habe ich hier getan?

Ich habe KEINE Regeln, die von außen gemacht worden sind, den Kindern aufgedrängt wurden, sondern wir haben einen eigenen Rahmen gestaltet, wie wir miteinander umgehen möchten, uns alle aktiv beteiligt, unsere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse eingebracht, die Kinder haben für eine gewisse Ordnung im Miteinander gesorgt und menschliche Größe gezeigt, die tief aus ihrem Innersten entsprungen ist.

Diese Haltung entspringt zum einen der Reformpädagogin Jenny Gertz und dem Reformpädagogen Janusz Korczak, der sich stark für die Rechte der Kinder einsetzte.

Die Grundrechte des Kindes wie Janusz Korczak* sie formuliert hat sind:

Das Recht des Kindes auf den Tod

Das klingt nun vielleicht ein wenig hart…
was Janusz Korczak damit meint, ist etwas anderes der reale Tod…
es geht darum Fehler machen zu machen und Scheitern zu dürfen.

Sobald wir Kindern Vertrauen schenken, fördern wir ihre Selbstbestimmung und ihre Selbstbeteiligung am Leben.
Doch Fehler zu machen und Scheitern ist eine Möglichkeit etwas herauszufinden, etwas zu entdecken und vor allem Erfahrungen »am eigenen Leib« zu machen.

Korczak schreibt hierzu: »Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entreißen wir dem Kind das Leben; wir wollen nicht dass es stirbt und erlauben ihm deshalb nicht zu leben.«¹

Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag

Die Präsenz im Hier und Jetzt zu sein, wie es vor allen Dingen im Tanzen für mich ist, ist eine tiefe Essenz des Lebens. Die Frage hierzu ist, bin ich wirklich im Hier und Jetzt und sehe die Bedürfnisse und Talente des Kindes oder bin ich in der Zukunft und erZIEHE das Kind in eine Richtung, welche in der Zukunft liegt, von der ich selbst noch gar nicht weiß?

Korcak schreibt hierzu: »Lasst uns Achtung haben vor der gegenwärtigen Stunde, dem heutigen Tag. Wie soll es morgen leben können, wenn wir ihm heute kein bewusstes, verantwortungsvolles Leben ermöglichen?«¹

Das Recht des Kindes das zu sein, was es ist

Dies ist eines meiner Lieblingsthemen… emotionale Räume für Individualität zu schaffen, wo geht das besser als in einem Kindertanzunterricht?!
Jeder von uns ob groß oder klein, ist anders, bedeutsam und wichtig mit seinen Gedanken, Gefühlen und im Tanz seiner ganz eigenen Art der Bewegungssprache.
Kinder sollen ja oft einem Idealisierten Bild entsprechen, doch ich darf eher einen Raum für freie Entfaltungsmöglichkeiten schaffen, sodass das Kind entdeckt, spürt und sich selbst fühlt und wertschätzt.

Korczak schreibt hierzu: »Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind es ja bereits; ja sie sind Menschen und keine Puppen; man kann an ihren Verstand appellieren, sie antworten uns, sprechen wir zu ihren Herzen fühlen sie uns.«¹

Nach unseren Untersuchungen verläuft der Unterricht harmonisch und wunderbar, die Kinder haben einen eigenen Raum im Rahmen kreiert und wir machen gegen später ein kleines Abschlussritual und verabschieden uns.

Nächste Woche kann es sein, dass wir vergessen haben, dass wir aufeinander achten wollten… dann ist es wieder Zeit für eine genauere Untersuchung was gerade passiert ist und wir gehen den Dingen wieder auf den Grund.

Ich hoffe Du konntest eine Kleinigkeit für Dich heute mitnehmen?

Falls Du gerne mehr über Janusz Korczaks Pädagogik wissen möchtest… dann kann ich Dir das Buch von Friedhelm Beiner empfehlen, es ist ein tolles Einstiegsbuch und gehört für mich zu einer Art Grundlagenwerk, was in meiner Welt jeder im Schrank haben und vor allen Dingen auch gelesen haben sollte 😉.

Hier hast Du die Möglichkeit Dir das Buch »Was Kindern zusteht«* von Friedhelm Beiner bei Amazon anzusehen oder zu bestellen »

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Deine Stefi

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Literaturquelle
¹ Friedhelm Beiner | Was Kindern zusteht – Janusz Korczak Pädagogik der Achtung – Inhalt _ Methoden – Chancen | Gütersloher Verlagshaus, 2008, Seite 49*

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