Janusz Korczak – Der König der Kinder

Die Bilder sind dem Buch »Das Leben von Janusz Korczak« Ernst Klett Verlag 1990 von Jean Betty Jean Lifton entnommen, mit dem Verweis dass diese der privaten Sammlung Professor Erich Dauztenroth entstammen. Trotz großer Bemühungen ist es mir nicht gelungen, den Rechteinhaber bzw. den Fotograph für die Lichtbilder ausfindig zu machen; solltest Du hierzu entsprechende Hinweise haben, bin ich sehr dankbar, wenn Du Dich meldest.

»Wir nehmen Abschied von euch für eure lange und weite Reise.
Diese Reise hat einen Namen – das Leben.
Viele Male haben wir darüber nachgedacht was wir Euch auf den Weg geben sollten.
Leider sind Worte arm und schwach.
Wir geben euch nichts.
Wir geben euch keinen Gott, denn ihr müsst Ihn selber suchen, in Eurer eigenen Seele.
Wir geben euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung Eures Herzens und durch Nachdenken finden.
Wir geben euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung.
Vergeben ist schwer, mühselig, eine Last, die jeder selbst auf sich nehmen muss.
Wir geben euch eins:
Die Sehnsucht nach einem besseren Leben, das es nicht gibt, aber dass es doch einmal geben wird, ein Leben in Gerechtigkeit und Wahrheit.
Vielleicht wird euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen.
Lebt wohl, vergesst es nicht.«

Janusz Korczak

Die Zeilen entstammen der Feder von Janusz Korczak, es ist sein Abschied an die 14-jährigen Kinder die sein Waisenhaus verließen.

Er war eine besonders beeindruckende Persönlichkeit, die mich tief in meiner tanzpädagogischen Arbeit und meinem Menschsein geprägt hat.

Doch jeder Mensch hat seine Geschichte, so wie Du, ich und auch Janusz Korczak.

Seine Geschichte ist einzigartig, atemraubend und eine Geschichte die nie in Vergessenheit geraten darf.


Wir schreiben das Jahr 1997, ich bin 18 Jahre jung und sitze im Sozialtherapeutischen Seminar in Weckelweiler in einer Pädagogik Vorlesung.

Die Dozentin ist eine ältere Dame mit silbergrauem kurzem Haar und hat einen Silberblick.

Heute steht wohl das große Thema an, sich selbst etwas zu erschließen und so hat sie Zettelchen vorbereitet und jeder von uns, darf den magischen Zettel ziehen.

Auf diesen Zetteln stehen Namen, so auch auf meinem… »also aussprechen kann ich den schon mal gar nicht«, denke ich mir.

Ich hüpfe die Stufen zur klitzekleinsten Bibliothek der Welt hinauf und auch dort findet sich eine noch ältere Dame vor.
Ich zeige ihr meinen Zettel.
Sie lächelt und ihre Augen werden weich: »Ein besonderer Mann – ein schönes Thema was Du bekommen hast!«

Ihre Augen suchen das Regal ab und dann ziehen ihre Hände ein Buch aus dem Regal

»Der König der Kinder– Das Leben von Janusz Korczak«.

Ich stecke den dicken Schmöker in meine Tasche und hüpfte die Stufen wieder runter.

Dieses Buch ließ mich staunen; ich war tief bewegt und ergriffen, von einem Menschen der lebte, was er sagte.
Janusz Korczak war eine imposante Persönlichkeit, ein wahrhaft menschlicher Held – ein großes Vorbild, dass ich mir nehmen durfte für mein Leben –  Du wirst schon sehen warum und dass dies keine leichte Aufgabe ist – doch sich hohe Ideale und Wertvorstellungen zu stecken ist gut, sie verschaffen uns Inneren Wachstum.

Janusz Korczak

eigentlich Henryk Goldszmit wurde 1879 in Warschau, Polen geboren und stammte aus einem jüdischen Elternhaus.

Seine Eltern waren wohlhabend und er durfte entgegen seiner Sehnsüchte auf der Straße zu spielen, nur im Salonzimmer sitzen um dort zu spielen und zu lesen;
der junge Korczak fand, dass die Kinder auf der Straße wohl ein schöneres Leben hatten, sie durften sich schmutzig machen und laut sein.

1889 als Janusz gerade 11 Jahre alt war, hatte sein Vater die ersten Nervenzusammenbrüche.

Janusz zog sich immer mehr in seine Welt zurück, träumte  und schrieb.

Die Nervenzusammenbrüche des Vaters wurden immer schlimmer und so kam er ins Irrenhaus.

Die Krankheit des Vaters beschäftigte seine innere Welt sehr.

»Ich, der Sohn eines Wahnsinnigen. Also erblich belastet.«¹

Nun türmten sich die Rechnungen der Familie Goldszmit, denn es gab kein Einkommen mehr und die Familie hatte starke existenzielle Nöte; alle Beschäftigten wurden entlassen, alle Habseligkeiten wurden verkauft, es wurde in eine kleine Wohnung umgezogen und Janusz und seine Schwester Anna gaben Nachhilfestunden, um für den Lebensunterhalt zu sorgen.

Janusz stellte fest, dass er viel Freude hatte,  mit Kindern zu arbeiten. Obwohl er eigentlich Grammatik und Mathematik unterrichten sollte, weckte er den Entdeckergeist der Kinder, brachte Ihnen Gegenstände mit und ließ sie hierzu Fragen stellen – er erzählte den Kindern Geschichten, ihre Angst wich und sie entwickelten Vertrauen zu ihm; selbstverständlich wurde dann auch noch ein wenig gelernt.

Janusz schrieb seit seinem 11. Lebensjahr ja gerne und so veröffentlichte er als 18-jähriger unter dem Pseudonym Janusz Korczak, seinen ersten Artikel, der vor Ironie und Witz nur so sprühte.

Sein Vater starb.

Den Wunsch Schriftsteller zu werden, hängte er an den Nagel; denn geprägt durch seine Biographie, selbst immer wieder krank, des Vaters Wahnsinn, das Betrachten der armen Halbwaisen, wie er, und verwaisten Straßenkinder, beschloss er Arzt zu werden – Kinderarzt.

Als begeisterter Medizinstudent, veröffentlichte er weiterhin Artikel unter dem Pseudonym Janusz Korczak, sie handelten von Beobachtungen des menschlichen Verhaltens, Pädagogik, die Lage armer Kinder und auch Reiseberichten – nur in medizinischen Veröffentlichungen nutzte er lebenslang seinen Geburtsnamen.

Seine Artikel fanden nicht immer Anklang bei seinem Herausgeber; ein Titel mit »Ich bin ein Mensch, dessen größte Sorge es ist, das Leben der Kinder zu verbessern.« war nicht gerne gesehen, denn die Leser wollten ja unterhalten werden.

So suchte sich Korczak ein neues Forum und stoß auf die Fliegende Universität, die sich im Untergrund traf und auch selbst publizierte.
Hier fühlte sich er sich aufgehoben und von Menschen umgeben die seine Wertvorstellung teilten.
In der fliegenden Universität wurde eine Vorlesung über Pestalozzi gehalten, diese legte den Grundstein für seine persönliche Entwicklung.

Er führte in gewisser Hinsicht ein Doppelleben.
Schriftsteller, Medizinstudent und ein Mensch der nach besseren Möglichkeiten für die Kinder suchte. Er besuchte die Straßenkinder und versorgte sie mit Essen, Medizin und Spielzeug.

1904 hatte er seine Approbation und nahm eine Stellung in einem Kinderspital in Warschau an.
Seine Ferien verbrachte er in den Sommerkolonien mit den Kindern, dort lernte er was es heißt ein Pädagoge zu sein und die Kinder zerstörten seine naiv romantischen Träumereien.
Es waren Kinder, die Hunger und Kummer erlitten haben, die einen rauen Ton pflegten… – doch in einer liebevollen Umgebung wuchsen die Kinder über sich hinaus.
Anschließend wurde er als Militärarzt in den russisch-japanischen Krieg eingezogen.

Er erkundete die chinesischen Dörfer und Städte. »Chinesischer Hunger, chinesische Missachtung der Waisenkinder, chinesische Kindersterblichkeit. der Krieg ist ein Greuel. Besonders weil niemand berichtet, wie viele Kinder hungern, schlecht behandelt werden und schutzlos sind.«¹
»Er nahm bei der vierjährigen Iuo-ya Sprachunterricht und erkannte »dass Kinder die noch nichts von Grammatik verstehen, noch nichts von >Büchern, Nachschlagewerken und Schulmanieren< wissen, den Geist einer Sprache zu vermitteln vermögen.«¹

In dieser Zeit sprach er über dass was schlußendlich zur Philosophie seines Lebens wurde:

»Kein Anlass, kein Krieg war es wert, Kinder um ihr natürliches Recht auf Glück zu bringen. Kinder haben Vorrang vor jeder Politik«¹

Im Frühjahr 1906 kehrte er nach Warschau zurück und in einem Jahr kann tatsächlich viel passieren… er stellte fest, dass er berühmt geworden war.
Sein Buch >Das Salonkind< feierte großen Erfolg, er war eine frische und mutige Stimme Polens geworden.

Er kehrte zurück ins Kinderspital, hatte dort eine Dienstwohnung und machte auch Hausbesuche… doch manchmal wurde er eingeladen, weil die feinere Gesellschaft gerne diesen Autor kennenlernen wollte; doch er hatte kein Interesse an der Öffentlichkeit, er ließ sich diese Besuche teuer bezahlen und versorgte umsonst die Straßenkinder.

Im Kinderspital widmete er sich ganz seinen jungen Patienten – die Mitarbeiter des Spitals wußten, dass er über Zauberkräfte verfügte, den Kindern Ängste zu nehmen und dass es zumeist weniger an der Medizin lag.

Er reiste ebenso in dieser Zeit nach Berlin, London und Paris um dort also Arzt zu praktizieren und/oder für Studienaufenthalte.

Während Korczak in seinen Ferien immer wieder mit den Kindern in eine Sommerkolonie fuhr, verfasste er einen Artikel über die Sommerkolonie in der Warschauer Zeitung. Die Kinder waren ganz erstaunt, dass jemand über sie in der Zeitung schrieb – er nahm diese Veröffentlichungen als Anlass um seine Idee einer Kinderzeitung zu testen.
Ebenso fing er in dieser Zeit an seine Ideen für den Kindergerichtshof zu entwickeln und zu erproben.

Er blieb 7 Jahre in dem Kinderkrankenhaus – doch er war rastlos, als Arzt, Schriftsteller und Pädagoge.

Er gibt seine gut bezahlte Stellung im Kinderspital auf und widmet sich der Erziehungsarbeit.
Ihm wurde Angebot gemacht, dass wie für Ihn gemacht erschien – Ein Waisenhaus.

Die Bilder sind dem Buch »Das Leben von Janusz Korczak« Ernst Klett Verlag 1990 von Jean Betty Jean Lifton entnommen, mit dem Verweis dass diese der privaten Sammlung Professor Erich Dauztenroth entstammen. Trotz großer Bemühungen ist es mir nicht gelungen, den Rechteinhaber bzw. den Fotograph für die Lichtbilder ausfindig zu machen; solltest Du hierzu entsprechende Hinweise haben, bin ich sehr dankbar, wenn Du Dich meldest.

So übernimmt er das nach seinen Vorstellungen das »Dom Sierot« in der Krochmalna-Straße in Warschau.
In diesem Haus lebt er seine pädagogischen Schriften von einer organisierten Kindergemeinschaft, jenseits von stumpfinniger Autorität und entwickelte seine Selbstverwaltungsmethode.
Doch er war ein Idealist… an seiner Seite lebte und arbeitete Frau Stefa die ihn in lebenspraktischen Dingen und der Organisation mit den 200 Kindern unterstützte.

Er hatte die Gabe die Kinder für sich zu gewinnen, er war ein Humanist und seine Fülle an lebendiger Erfahrung ließ er immer wieder in seine Bücher die er nebenher schrieb einfließen.

Die Kinder spielten, lernten (was zur damaligen Zeit ja noch nicht üblich war), haben im Haus mitgeholfen und wurden zu selbstständig denkenden Menschen erzogen.
Der Herr Doktor, wie die Kinder ihn liebevoll nannten, sprach mit den Kindern, anstatt zu ihnen.

Der erste Weltkrieg brach aus und Korczak wurde wieder als Militärarzt eingezogen – in dieser Zeit nutzte er jede erdenklich freie Minute um an seinem pädagogischen Werk »Wie man ein Kind lieben soll« zu schreiben – wahrhaft verrückte Zustände müssen dies gewesen sein in all diesem Greuel solch ein von Liebe durchdrungenes Werk zu schreiben.

1918 kehrt er zurück nach Warschau in die Krochmalna-Straße.
Kurz darauf eröffnet ein neues Waisenhaus seine Pforten – geleitet von Frau Maryna, die seine  Erziehungsmethoden in diesem Haus lebt.
Er selbst kam an zwei Tagen die Woche immer zu Besuch.

Er fängt an, an der am >Institut für spezielle Pädagogik< Vorlesungen zu geben und erzählt den Studenten:

»Alle Tränen sind salzig.
Wer das begreift, kann Kinder erziehen.
Wer das nicht begreift, kann sie nicht erziehen.«

Er lehrte die Achtung vor dem Kind und vor allem:

»Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind bereits welche.«

Wir schreiben nun das Jahr 1923 – Korczak veröffentlicht König Hänschen.

»König Hänschen ist eins der größten Kinderklassiker und wurde 1923 in Polen von Janusz Korczak verfasst.
Hänschen wurde durch den Tod seines Vaters bereits mit 10 Jahren zum Thronfolger ernannt und regierte das Land.
Regieren ist aber keine einfache Angelegenheit, vor allem wenn man auch noch über Erwachsene die Verantwortung trägt. Er beschließt König der Kinder zu werden und führt eine demokratische Regierungsform ein, bei der im Kinder-Parlament Kinder Minister sind und im Erwachsenen-Parlament die Erwachsenen als Minister das Wort haben.
Jedoch ist es nicht so einfach, wie Hänschen es sich zunächst vorgestellt hat.
Es treten viele Schwierigkeiten auf und letztendlich fällt das Land in ein Chaos…«²

König Hänschen hat eine Fahne, mit einem vierblättrigen grünen Kleeblatt darauf – diese Fahne steht als Symbol für seine Kinder und hängt in der Krochmalna-Straße.

1926 gründet Korczak gemeinsam mit dem Kindern die »Kleine Rundschau« – seine Wochenzeitung, die er schon vorher in den Sommerkolonien erprobt hat.

1928 veröffentlicht er »Das Recht des Kindes auf Achtung« und beginnt Vorlesungen an der >Freien polnischen Hochschule< zu halten.

1934 starten im polnischen Rundfunks  die »Radio Plaudereien des alten Doktors« – in diesen Plaudereien unterhält er sich mit Kindern vor dem Mikrophon. Diese sind bei großen und kleinen Menschen sehr beliebt.

1934 und 1936 reist er nach Palästina.

Es ist 1939 und Warschau wird von den Nazis belagert.

Der alte Doktor hält weiter seine Ansprachen im Radio, ein Idealist wie er ist spricht er allen gut zu und erklärt den Kindern über den Lautsprecher, wie man sich angesichts der Gefahren verhalten soll.

Durch die Übernahme der Nazis gelten neue Regeln in Warschau – alle Juden sollen eine Armbinde tragen. Dies tut der Alte Doktor nicht!
Denn in erster Linie ist er Mensch und Pole – darauf hat er immer bestanden; ein polnischer Jude zu sein.

Er zieht durch die Straßen in seinem polnischen Militäranzug – er war Stolz Pole zu sein; doch das schmeckte den Nazis nicht – er wurde verprügelt und ins Gefängnis gesteckt.

Untersucht von einem deutschen Arzt, der seine Vorträge aus der Zeit von Berlin kannte und diese sehr zu schätzen wusste, schrieb der Arzt, dass Korczak krank sei und er wurde aus dem Gefängnis entlassen.

Er beginnen harte Zeiten in der Krochmalna-Straße, sie werden eingemauert, doch Korczak ist ein Bewahrer der Menschlichkeit.
Er erzählt den Kindern, dass die SS-Menschen in ihrem echten Beruf Bäcker seien und Kinder haben, dass sie Menschen sind.

Doch es ist alles nur eine Frage der Zeit… das Waisenhaus wird ins Ghetto überführt.

Seine 200 Kinder, Frau Stefa und Fräulein Esther und er bewohnen im Ghetto ein Haus; Korczak war wichtig, dass alle Kinder zusammenbleiben.

»Im ganzen Hause herrschten Friede und sinnvolle Ordnung, als ob die Kinder dort schon lange beieinander wohnten. Die Organisation der Kindergemeinschaft, so wie sie Korczak entwickelt hatte – Gericht, Selbstverwaltung, Zeitung – , der frühere normale Tages- und Beschäftigungsplan mit Tagesdiensten und Schulstunden, das alles blieb erhalten.«³

Der alte Doktor ist nun 64 Jahre alt, seine Routine beibehaltend, zu schreiben, fängt er nun an ein Tagebuch zu schreiben.

Die Zustände im Ghetto waren hart, sehr hart.
Tagsüber machte sich Korczak auf und bettelte. Seine Würde war ihm egal, er brauchte Essen für seine 200 Kinder.
Mit einem großen Sack zog er durch das Ghetto und sammelte alles ein, was er nur bekommen konnte.

Die Zustände verschlimmerten sich, sie wurden menschenunwürdig.

Korczak sah Kinder auf der Straße sterben, es brach ihm sein Herz. Er wußte, dass er sie nicht retten kann, aber menschenwürdig zu sterben, dass sollte vor allem ein Kind – in Wärme und auf einer Matratze und jenseits von einem Straßengraben.

Korczak wusste, der Tod naht. Es war ihm ein Anliegen, dass die Kinder mit dem Tod vertraut werden und dass der Tod etwas sanftes ist. So studierte Fräulein Esther mit den Kindern »Das Postamt« ein Theaterstück von Tagore ein. Tagore war vom NS-Regime zu dieser Zeit verboten worden.

»Das Postamt« handelt von dem kleinen Jungen, Amal, er ist krank und kann nur noch im Bett liegen – er beobachtet aber durch sein Fenster die Menschen und stirbt anschließend.
Es war Fräulein Esthers letzte Vorstellung mit den Kindern, anschließend wurde sie nach Treblinka abtransportiert.

5. August 1942, die Tür geht auf, ein NS Offizier steht da und verkündet, sie müssen alle mitkommen.

»15 Minuten, nur 15 Minuten« bittet der Herr Doktor.

Frau Stefa sagt in einem ruhigen Ton: »Zieht Euch die besten Sachen an und packt euren Rucksack.«

Ruhig, gefasst und sich in Sicherheit wiegend, durch die Präsenz Janusz Korczaks und Frau Stefa, bilden sich Zweier Gruppen die das Haus verlassen.

In der ersten Reihe geht Janusz Korczak, rechts und links die jüngsten Kinder an seiner Seite, hinter ihm in Reihen die anderen Kinder.
Stolz gehen sie mit der Fahne des König Hänschen dem vierblättrigen Kleeblatt schwingend durch das Ghetto Richtung Bahnhof.
Es ist ein Siegeszug – alle gehen sie hocherhobenen Hauptes – Korczak geht immer weiter mit seinen 200 Kindern und Frau Stefa.

Im Bahnhof Chaos: »Dr. Korczak, Dr. Korczak, Dr. Korczak…« wird laut gerufen, er bekommt ein Weg in die Freiheit, kann gehen, soll sich von den Kindern trennen.

Welch eine Tragödie… er bewahrt Würde und geht mit seinen Kindern immer weiter und er steigt in den Wagon – die Türen schließen sich.

»Wir nehmen Abschied von euch für eure lange und weite Reise.
Diese Reise hat einen Namen – das Leben.
Viele Male haben wir darüber nachgedacht was wir Euch auf den Weg geben sollten.
Leider sind Worte arm und schwach.
Wir geben euch nichts.
Wir geben euch keinen Gott, denn ihr müsst Ihn selber suchen, in Eurer eigenen Seele.
Wir geben euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung Eures Herzens und durch Nachdenken finden.
Wir geben euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung.
Vergeben ist schwer, mühselig, eine Last, die jeder selbst auf sich nehmen muss.
Wir geben euch eins:
Die Sehnsucht nach einem besseren Leben, das es nicht gibt, aber dass es doch einmal geben wird, ein Leben in Gerechtigkeit und Wahrheit.
Vielleicht wird euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen.
Lebt wohl, vergesst es nicht.«

Janusz Korczak

Ich hoffe Du konntest für Dich eine Kleinigkeit mitnehmen?

Janusz Korczaks Leben war ein bewegtes Leben, voller Würde und Achtung – im kommenden Blogartikel wirst Du mehr über seine Haltung und Methoden erfahren und wie diese, gerade in dieser Zeit der durch Covid-19 bedingten Restriktionen und Verbote, uns eine Chance der Menschlichkeit und Achtung zu Kindern bieten.

Deine Stefi

PS:
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Literaturquellen
¹ Betty Jean Lifton – Der König der Kinder – Das Leben von Janusz Korczak, Ernst Klett Verlag 1990, S.46, S.59, S.60, S.61
² Quelle: PH-Ludwigsburg – Internetabruf 7.Mai 2020
³ Janusz Korczak – Tagebuch aus dem Ghetto, Venadenhoeck & Rupprecht Verlag, S. 13, S.14
Bilder Die Bilder sind dem Buch »Das Leben von Janusz Korczak« Ernst Klett Verlag 1990 von Jean Betty Jean Lifton entnommen, mit dem Verweis dass diese der privaten Sammlung Professor Erich Dauztenroth entstammen. Trotz großer Bemühungen ist es mir nicht gelungen, den Rechteinhaber bzw. den Fotograph für die Lichtbilder ausfindig zu machen; solltest Du hierzu entsprechende Hinweise haben, bin ich sehr dankbar, wenn Du Dich meldest.